Flugbild ASH 25E
Flugbild ASH 25E

Ehrlich gesagt hatte ich die letzten 15 oder 20 Jahre meine Gitarren nur noch sporadisch angefasst, mich höchstens einmal bei irgend einer Feier überreden lassen, den einen oder anderen Song zu spielen. Meine neue Freizeitgestaltung hatte zwar die Liebe zur Musik nicht völlig verdrängt, sie jedoch so weit in den Hintergrund geschoben, dass ich sie anscheinend überhaupt nicht vermisste. Ab und zu komponierte ich mal einen Song und nahm ihn in mehrwöchiger Arbeit in meinem Musikzimmer auf, dann war es aber auch wieder für ein oder zwei Jahre gut.

 

Als wir 3 uns dann Jahre nach dem Studium wieder trafen war ich anfangs etwas skeptisch. Aber, was konnte schon passieren? Wir trafen uns zwar regelmäßig einmal pro Woche für 2 Stunden, Konzerte zu geben, war jedoch zum damaligen Zeitpunkt nicht angedacht. Einig waren wir uns allerdings darüber, auf jegliche Art der Verstärkung zu verzichten.

Schnell realisierten wir, dass unsere unterschiedlichen Stimmen ausgesprochen gut zusammen harmonierten. Selbst kompliziert anmutende Songs von Crosby, Stills & Nash waren ohne Schwierigkeiten zu realisieren.

Wir übten aus reinem Spaß an der Musik 3 stimmige Songs - und wurden besser und besser. Nachdem sich die Nachfragen häuften, welche Art von Musik wir denn eigentlich üben würden, kam das, was kommen musste. Wir mieteten, nachdem unser Repertoir für 2 Stunden ausreichte, ein altes Kloster, um vor ca. 80 Freunden aufzutreten.

Das Schicksal nahm seinen Lauf. Die Resonanz war so groß, dass wir gebeten wurden, uns an der Konzertreihe des Klosters zu beteiligen.

 

Die Musik ist Teil unseres Lebens geworden und anscheinend auch ein Teil des Lebens unserer treuen Fans, die uns seit Jahren begleiten.

Gemeinsam Musik zu machen bedeutet natürlich auch, auf die Wünsche des oder der anderen einzugehen. So ist Gert der absolute Verfechter der Countrymusic. Ich kann mich mit der Musik nicht sonderlich anfreunden. Es gibt aber keinen, der gerade für diese Musik einen  bessere Stimme hat als Gert. Also räumen Wolfgang und ich unserem Freund während unserer Konzerte immer eine kleine Countryecke ein. Wolfgang ist hier die große Hilfe, dass diese Ecke nicht ausufert.

 

 

 

Das andere Hobby

4000m über Eschwege
4000m über Eschwege

 

 

Die 3 Zinnen
Die 3 Zinnen

 

 

Mit meinem Vater nach der Landung
Mit meinem Vater nach der Landung

 

 

                Eschwege

St. Moritz
St. Moritz

 

Ich möchte an dieser Stelle nicht verschweigen, dass es in meinem Leben noch eine andere Freizeitbeschäftigung neben der Musik gibt, wegen der ich 1971 die Rockgruppe Root 66 verlassen habe.

Dieses andere Hobby ist die Fliegerei, genauer gesagt, das Segelfliegen. Obwohl mich mein Vater nie dazu animiert hatte, trat ich dann doch irgendwann in seine Fußstapfen. Als Kind auf dem Flugplatz groß geworden, kehrte ich zurück.

Nachdem mich das Spiel mit Auf- und Abwinden, mit Hangwinden, Thermik und Wellen in seinen Bann gezogen hatte, wußte ich, was anscheinend noch schöner zu sein schien als die Musik.  

Nach den Anfangsjahren, die auch durch einige Wettbewerbe geprägt wurden, merkte ich schnell, dass mir das Zurücklegen großer Strecken im Segelflug und der Genuss am Fliegen selbst wesentlich wichtiger wurden als der Kampf gegen andere. Gemeinsam mit meinem Freund erfüllte ich mir 1992 meinen Traum vom Fliegen. Elegant wie kaum ein  anderes Segelflugzeug, nur auf Höchstleistung ausgelegt und bestückt mit fast 26 m langen schlanken Kohlefaserflügeln, stand sie  irgendwann in unserer Halle. Die ASH 25E, ein Meisterstück an Aerodynamik. Schöner als sie selbst zu fliegen ist nur noch ihr Anblick.

Ich bin fest davon überzeugt, dass man mit keinem anderen Fluggerät die Landschaften besser erleben kann, als mit einem Segelflugzeug. Ein Ballon fährt nur in einer Richtung, ein Motorflugzeug ist zu laut, ein Gleitschirm oder Drachen zu langsam. Nenne man mir ein anderes Fortbewegungsmittel, mit dem man sich in 10 Stunden 1000 km durch die Alpen bewegen kann, über Landschaften und Gletscher gleitet, sich mal 6000m über den Gipfeln und manchmal beklemmend tief im Relief bewegt. Das alles fast lautlos und nur im Verbund mit den Kräften, die uns die Sonne ermöglicht.

Hier oben kann ich völlig entspannen, das Naturerlebnis in mich aufnehmen.

Fast immer fliegen wir zu zweit, damit man das Erlebte mit jemandem teilen kann. Denn, gemeinsames Glück ist doppeltes Glück, genau wie in der Musik.

Diese wird auch erst dann richtig schön, wenn andere daran teilnehmen und  sich einem gewissen Bann nicht entziehen können.

Wie schön ein Flug durch die Alpen sein kann, möchte ich ihnen nun zeigen.  Ich lade sie zu zwei Flügen ein. Der eine führt in dieSchweiz, der andere nach Italien, in die wunderschönen Dolomiten. Nehmen sie Platz im Cockpit, wir starten:

 

Die Schweiz ruft

 

 Das Wetter entwickelt sich am 24.05.2005 nur langsam. Ich starte mit meinem Vater als Copilot in der ASH 25 gegen 14.30 Uhr in Niederöblarn (Steiermark).

Als wir gegen 19.30 zurück sind, liegen 350 km hinter uns. Der Nachmittagsflug  zum Gerlosstausee und zurück war nur ein Vorgeschmack der kommenden Tage.

Am Folgetag ist Horst Gärtner, der Fliegerkamerad vom Nachbarverein aus Sontra mit von der Partie. In kalter, klarer Luft, stehen die "Vögel" bereits um 7 Uhr im noch feuchten Gras neben der langen Asphaltpiste. Nachdem wir gemeinsam mit 8 weiteren "Verrückten" die ersten Startpositionen belegt haben, gehen wir erst einmal duschen und frühstücken. Lange Zeit bleibt uns heute nicht dafür. Gegen 9 Uhr sind wir wieder zurück auf dem Flugplatz. Mittlerweile stehen weitere 25 Segler erwartungsvoll bereit, diesen Tag zu nutzen. Das Wetter war bisher allzu schlecht. Einige Freunde waren bereits Anfang

Mai hier und haben erst 3 Flüge absolviert. Wir schreiben den 25.05.2005. Noch vor 10 Uhr sind wir am Himmel. Im sog. Thermikgarten, etwa 6 km südlich des Flugplatzes, lösen wir uns in 12oo m Höhe vom franz. Schleppflugzeug Remoquer.

Da die Kraft der Sonne die Inversion im Tal noch nicht auflösen konnte, ist Thermik erst oben am Fels zu erwarten. Wie immer ist in der ersten Flugstunde vorsichtiges Taktieren angesagt. Einmal etwas zu tief unter die Hangkante gerutscht oder einfach nur die falsche Seite des Berges angeflogen und schon ist der Flug zu Ende, bevor er eigentlich richtig begonnen hat. Die ersten Aufwinde sind jedoch bereits gut zu zentrieren. Da sich Horst mit dem Logger (Satellitennavigationsgerät)  im hinteren Sitz nicht so gut auskennt und Schwierigkeiten mit der Bedienung hat, navigieren wir, wie früher, mit der Karte. Es ist noch relativ blau. Doch haben wir das Glück, dass sich immer genau in Richtung unseres Kurses zum richtigen Zeitpunk kleine Cumuluswolken bilden, die die Thermiksuche  wesentlich erleichtern. Tief gleiten wir über die ersten Grate hinweg. Schnee! Unendliche Mengen von Schnee liegen liegen noch überall herum. An der Planei bei Schladming, die wir in Höhe des Starthäuschens der Weltcupläufe überfliegen, könnte man leicht noch einen Slalom stecken. Ich kann mich überhaupt nicht daran erinnern, in den vielen Jahren meiner Alpenfliegerei einmal so viel Schnee um diese Jahreszeit gesehen zu haben.

Gegen 12 Uhr queren wir bei Zell am See in den Pinzgau. Da die Täler westlich des Kitzsteinhorns sehr eng und tief einschneiden, ist hier noch keine ausfliegbare Thermik zu erwarten. Der "Pinzgauer Spaziergang", von den Segelfliegern vor Jahrzehnten so benannt, macht seinem Namen alle Ehre. Die Wolken sind zu einer langen "Perlenkette" aufgereiht. Fast kreislos geht es in schnellem Vorflug unter ihnen zum Gerlos, der uns in einem 3m Bart (3m Steigen/s)  zur Basis (Wolkenuntergrenze), die sich in 3000m NN befindet, hinaufschiebt.

Nach den gestzlichen Bestimmungen müssen wir hier unter 9500 Fuß Höhe bleiben, da wir uns im Anflugbereich auf den Verkehrsflughafen Innsbruck befinden.

Am nördlichen Ende des Zillertals bekommen wir die Durchfluggenehmigung durch die Kontrollzone zur Nordkette.  Über Schwarz queren wir das Tal. Selten habe ich Nordkette so gut erlebt.  Die in der Sonne erhitzten Wände produzieren Thermik ohne Ende. Ohne zu kreisen mit Geschwindigkeiten von über 200 km/h und keinem Höhenverlust fliegen wir bis Seefeld.

Es ist schön, einen Mitflieger wie Horst dabei zu haben. Da sein Fliegerleben Südafrika genauso einbezieht wie Australien oder viele Alpenflugplätze, geht uns der Gesprächsstoff nicht aus. Wir erarbeiten uns den Flugweg gemeinsam. Viele der Gebiete, die wir überfliegen, kennen wir aus Sommer- oder Winterurlauben.

   " Du, ich kann das überhaupt nicht fassen! Mir fehlen einfach die Worte, das hier zu beschreiben. Ich kann mich nicht daran erinnern, so etwas schon einmal erlebt zu haben."

Ich bin erstaunt, diese Worte von einem so erfahrenem Flieger zu hören. In  der Tat  haben wir  einen Supertag erwischt, den ich auch noch nicht allzu oft  erlebt habe.

Die Auswertrung des Fluges am Abend wird uns zeigen, dass wir uns mit der ASH 25 mehrere Stunden im Geschwindigkeitsbereich zwischen 150 und 180 km/h aufgehalten haben. Selbst Geschwindigkeiten über 280 km/h hat der Logger aufgezeichnet.

Bei Seefeld kreuzen wir zur Hohen Munde, lassen das Wettersteingebirge mit der Zugspitze rechts liegen. Der Tschirgant, der beste mir bekannte Thermikberg der Nordalpen bei Imst, enttäuscht etwas. Vielleicht habe ich ihn auch einfach nur an der falschen Stelle angeflogen. Egal, wir lassen ihn zurück und holen uns die benötigte Höhe an der Perseier Spitze bei Landeck, um in die Lechtaler Alpen einzufliegen. Wieder geht es mit hoher Geschwindigkeit am Fels entlang. Lech und Zürs ziehen unter uns vorbei. Diese noblen Skiorte erscheinen im Sommer doch eher etwas trostlos und verlassen.
Hinter St. Anton mache ich Horst auf die Seilbahnkabel bei St. Christoph aufmerksam. Man muss sie unbedingt kennen, um nicht mit ihnen zu kollidieren.
Wir immer sind sie kaum zu sehen und überhaupt nicht gekennzeichnet. Aber, wer erwatet hier schon Segelflieger? Kurz vor dem Gipfel entscheiden wir aus Sicherheitsgründen doch lieber kurz ins Lee zu fliegen, um den Kabeln in jedem Falle zu entgehen.
10 Minuten später sind wir im Montafon, nahe der Schweiz. Über Schruns queren wir wieder einmal ein Tal und nutzen eine kleine Felsscharte, um hinüber ins vordere Rheintal zu gleiten. Über Chur wechseln wir zur Nordseite des Tals, was sich als gute Entscheidung herausstellt. Direkt auf Kurs stehen überall kleine Cumuluswolken. Die nächsten 60 Kilometer bis zum Wendepunk lassen Euphorie aufkommen. Kreislos jagen wir den großen Vogel teils dicht am Fels, teils zur Waldkante hin versetzt, gen Westen. Die Thermik ist so stark, dass der Flug zum Teil eher dem Ritt auf einem wilden Pferd gleicht.
"Sei nur froh, dass du dir einen sattelfesten Copiloten mitgenommen hast! Jeder andere hätte dir den Flieger schon vollgek....".
Horst hat recht.
15 Uhr hatten wir uns als zeitliche Grenze zur Umkehr gesetzt. Den Oberalbpass bei Andermatt erreichen wir um 14,50 Uhr. Eiger, Mönch und Jungfrau stehen majestätisch vor uns.  Etwas weiter hinten links mein langjähriges Traumziel, das Matterhorn. Ich bin einmal wieder zu spät hier. Eine halbe Stunde eher und ich hätte einen Weiterflug in Erwägung gezogen.Wir müssen aber noch 420 km zurück gen Osten - und das ist weit, zumal in einem Segelflugzeug. Der Unsicherheitsfaktor ist immer das Wetter. Wird die Thermik um 18 oder 19 Uhr enden? Immer diese Fragen! Endet sie gegen 20 Uhr ist alles möglich. Der letzte Bart um diese Uhrzeit und wir könnten theoretisch bis 21.30 fliegen.
Zwei weitere ASH 25 und ein ebenso großer Nimbus 4 kreisen mit uns am Wendepunkt. Gern hätte ich gewußt, wo sie am Morgen aufgestiegen sind?  Sie begleiten uns ein Stück des Weges. Im Norden spiegelt sich etwas  im Vierwaldstädter See.
Die ersten 60 km des Rückfluges ähneln dem Hinflug.Wir reiten zurück. Der Gaul ist kaum zu zügeln. Ein wenig Zeit lassen wir liegen beim Versuch, wieder ins Montafon zu gelangen. Als der Durchflug durch die morgenliche Scharte endlich gelingt, sind wir zurück am Arlberg. Vorbei an den "verdammten" Seilbahnkabeln empfängt uns die Perseier Spitze mit einem gewalltigen Aufwind. Kleine, satte Wölckchen markieren am Tschirgant zu dieser Tageszeit genau den Punkt des besten Steigens. Auf Anhieb liegen 4,2 m/s Steigen an. Nach 15 Sekunden sind es 5,9 m/s. In 3600m Höhe ist Schluss. Mit 240 km/h geht es an der Zugspitz vorbei zum deutschen Wendepunk bei Mittenwald. Das Karwendel tut sein übriges, um uns bei Laune zu halten.
Horst spricht vom "krönenden Abschluss seiner fliegerischen Laufbahn", was mir schon etwas peinlich ist angesichts seines langen Fliegerlebens. Am Achensee kommt die Freigabe von Innsbruck Tower sofort, um ins Zillertal zu wechseln. Die Passstrasse, die hinauf zum Gerlos führt, erreichen wir unter Hangkante. Wenn man weiß, wo der "Bart" steht, macht das nichts. Minuten später fliegen wir mit nun wieder genügend Luft unter den Flügeln über die Krimmeler Wasserfälle zum Alpenhauptkamm. Die in der Sonne aufgeheizten Rippen, die zum Kamm hinaufziehen, erzeugen nun genug Thermik, um uns problemlos von einer zur anderen weiterzureichen.
Die Dolomiten im Süden sind zum Greifen nahe, aber uns Ziel befindet sich im Osten.
Über Zell am See haben wir noch 100 km vor uns. Kreisen brauchen wir nicht mehr. Die Höhe, um ohne weitere Aufwinde nach Hause zu kommen, liegt bereits vor.
Eine Stunde gleiten wir nun ohne jeden Stress. Vorbei geht es an verlassenen Skigebieten, unzähligen Hütten und Wäldern in allen erdenklichen Grüntönen. Der eine oder andere Wanderer und Hüttenbewohner winkt zu uns herauf oder herab. Direkt am Flugplatz hebt uns die Thermik wieder auf 1200 m Höhe. Obwohl man sicher noch eine gute Stunde hätte weiterfliegen können, melden wir uns zur "langen Landung auf die 04 Asphalt". Ehrlich gesagt drückt auch ein wenig die Blase. Ein letzter Kreis und die Landebahn kommt in Sicht. Zwei Minuten später rollen wir die letzten Meter von der Asphaltbahn. Im Zeitlupentempo legt sich der lange Tragflügel leicht ins schon wieder feuchte Gras. Es ist still im Cockpit...

Zwei glückliche Piloten zwängen sich nach 9 Stunden und 25 Minuten - und 859 geflogenen Kilometern - aus Sitz und Fallschirm. Horst strahlt! Ehrlich gesagt, ich auch! Ein ungewöhnlicher Tag und ein ebenso ungewöhnlicher Flug sind zu Ende gegangen. Die Verarbeitung in unseren Köpfen beginnt gerade...

 

 

15.00 Uhr Andermatt
15.00 Uhr Andermatt

Das grandiose Bild der Drei Zinnen

Neulich fragte mich ein Bekannter: "Wie nennt ihr eigentlich eure Freizeitbeschäftigung? Leistungsfliegen, Hobbyfliegen, Sonntagnachmittagskaffeefliegen?" "Eigentlich ist alles richtig", antwortete ich ihm. Es komme ganz darauf an, wie man diese Freizeitbeschäftigung ausübe.

Der Wettbewerbs- oder weite Streckenflug fällt sicher unter die Ruprik Leistungssegelflug. Fliegt man Sonntagnachmittags einfach ein bißchen durch die Gegend und genießt die Sicht von oben, wie wieder andere mit ihren Fahrrädern oder gar zu Fuß sich der Natur einige Stockwerke tiefer erfreuen, so gehört man eben zu der einen oder anderen Gruppe.

Manch einer (im übrigen auch ich) erfreut sich am Spaziergang durch einen lichtdurchfluteten Maiwald, dessen Grün im Rest des Jahres nirgends wieder zu finden ist. Die klare Mailuft ist es auch, die mich sehnsüchtig durch den Himmel wandern lässt. Vorbei an kleinen, weißen Wölkchen, die mir die Energie zum Wandern schenken. Gibt dem Wanderer der Stock den nötigen Halt, so hat mein "Stock" ein paar Flügel, die mich sicher durch die Luft begleiten. Ja, Wandern oder besser Luftwandern, das ist wohl der richtige Begriff für das, was mich seit über einem viertel Jahrhundert in seinen Bann zieht. Von einer dieser Wanderungen möchte ich erzählen. Einer Wanderung, die an Schönheit ihresgleichen sucht und mir beim Schreiben dieses Berichtes wieder bewußt wird.

Die Wettervorhersage für diesen Junitag war nicht gerade die, auf die wir gewartet haben. Nachmittags zunehmend gewittrig auf der Alpennordseite, im Süden besser. Vielleicht geht`s für fünf oder sechs Stunden. Also, keine großen Sachen planen. Da ich allein mit dem großen Doppelsitzer in Niederöblarn bin, frage ich Herbert Leykauf, ob er mir nicht Michael, seinen 19 jährigen Sohn, anvertrauen wolle. Er willigt ein. Nach Zurechtschneiden eines Schaumgummikissens sitzt Michael gegen halb elf fest und sicher angeschnallt im hinteren Sitz der ASH.  Wir starten um  10.54 Uhr. Die 230 PS starke Remoquer zieht uns zum Gumpeneck, wo sie uns 10 Min. später in die Thermik entlässt.

Vorsichtig gleiten wir entlang der schroffen Grate, um die ersten Aufwinde zu finden. Da wir keinen weiten Streckenflug geplant haben, sind wir etwas später gestartet, als die Thermik bereits gut entwickelt ist. Wir kreisen bis zur Basis (Wolkenuntergrenze) und folgen den Niederen Tauern. Als wir Schladming passieren, liegt der Dachstein in hellem Sonnenlicht. Die Sicht ist gut, im Westen etwas diesig. Unter uns windet sich die alte Passstrasse bei Obertauern über den Berg. Die Tauernautobahn hat es da leichter, elegant verschwindet sie im ersten größeren Tunnel Richtung Kärnten. Im Arltal teilen wir uns den Aufwind mit einem Gleitschirmflieger, der unten neben der Seilbahn gestartet ist. Zum Gruße wackeln wir mit den Flügeln, freundlich winkt er zurück. Weiter geht unser Flug über Bad Gastein. An der Haizingalm holen wir uns genügend Höhe, um direkt über Rauries und Zell am See in den Pinzgau zu gleiten. Ohne zu kreisen erreichen wir den Paß Thurn. Rechts liegt Kitzbühel, dahinter das imposante Massiv des Wilden Kaiser. "Und Michael? Du bist ja so still!" "Mensch, ist das schön!" Es scheint ihm zu gefallen. Über den Gerlosstaussee gleiten wir ins Zillertal. An die Innsbrucker Nordkette zu fliegen, schenken wir uns. Die oberen Spitzen liegen bereits im Dunst. Das verspricht nichts Gutes. Wir segeln über den Tuxer Gletscher, einige Skifahrer winken mit den Stöcken. Am Brenner  kommt uns ein "Langohr" (Segler mit sehr langen Tragflügeln) entgegen. "Mensch, das ist mein Vater, " ruft Michael. Und wirklich, Momente später hören wir Herbert im Funk. "Golf Romeo, was habt ihr vor?"

"Spazierenfliegen"! Da hinter dem Brenner das Wetter zu schlecht wurde, kam Herbert bereits zurück. Gemeinsam beschließen wir, über den Hauptkamm in den Süden zu fliegen, da es dort wirklich besser aussieht.

Herbert muss es wissen! Als einer der führenden Köpfe des deutschen Wetterdienstes in Offenbach und Gewinner des Baron Hilton Cups (einer der begehrtesten Segelflugwettbewerbe der Welt) kann man ihm vertrauen. Ich fliege einfach hinterher, gebe Michael die Flugkarte und genieße. Allmälich wird die Landschaft anders, bizarrer, schöner. " Du Michael, schau mal! Das sieht aus wie die Drei Zinnen!" "Sie sind es!" 20 Minuten lassen wir uns von dem Anblick und der Landschaft gefangen nehmen. Diese Ecke der Alpen ist unbeschreiblich schön, besonders  für jemanden, der Natur liebt und für diese Eindrücke empfänglich ist.

Direkt hinter dem Monte Cristallo glitzert Cortina d`Ampezzo in der Sonne. Wir reißen uns los. Entlang des Zwölferkofels geht es zu den Lienzer Dolomiten. Unten im Tal liegt Nikolsdorf. Über 20 Jahre ist es her, dass ich hier zusammen mit meinem Vater und einigen Vereinskameraden meinen Fliegerurlaub verbrachte.

Im Mölltal, das von Lienz Richtung Nordosten zieht, wird es Zeit, einmal wieder etwas Höhe zu tanken. Gezielt fliegen wir in den Einschnitt eines kleinen Seitentals, wo wir Aufwind vermuten. Hart presst es uns in die Sitze. Mit über 5 m/s schleudert es uns geradezu nach oben. Nach wenigen Kreisen bleibt die Waldgrenze zurück. Jeder Meter mehr an Höhe bringt mehr an Fernsicht.

  Augenblicke später richten wir den Vogel unter der Wolke auf, lehnen uns gemütlich zurück und folgen der Eisenbahn, die aus dem Gasteiner Tal kommend hier den Tunnel durch den Hauptkamm der Alpen wieder verlässt.

Weiter geht ihre Fahrt nach Villach. Wir folgen bis kurz vor den Millstädter See.

Es ist 15 Uhr. Die Wolken werden dunkler. Wir entscheiden, langsam den Heimweg anzutreten. Das eine oder andere Mal wird unser "Spazierstock" bereits nass. Noch können wir die Gewitter umfliegen, müssen aber noch zurück über den Alpenhauptkamm. Über dem Katschberg hören wir die Stimme Herberts. Die Wetterlage betreffend, bestätigt er unsere Meinung. " Ich bin auf dem Heimflug. kommt besser auch zurück! Hier braut sich einiges zusammen." Wir steigen unter einer dicken schwarzen Wolke in einem starken, ruhigen Aufwind. Typisch für diese Wetterlagen.

Von Minute zu Minute wird das Atmosphäre labiler. Überall geht es nur noch nach oben. 60 km noch bis zum Flugplatz. Unsere Höhe ist mehr als ausreichend, um nicht noch nach Aufwinden suchen zu müssen. Ich erinnere mich an einen Flug mit einem Vereinskameraden, als ich Jahre zuvor genau an dieser Stelle in eine Leewelle eingestiegen bin. Wir hatten kaum noch Zeit, die Sauerstoffmasken aufzuziehen, da waren wir schon in 5000m über den Wolken.

Heute müssen allerdings wir unter den Wolken zurück.

Anfangs fliegen wir etwas verhalten mit etwa 160 Stundenkilometern. Die Labilität wird jedoch so groß, dass wir auch noch mit 230 Stundenkilometern unsere Höhe beibehalten können.

  Zurück im Ennstal sehen wir die Bescherung.  Überall scheint es schon zu blitzen und zu donnern. "Am Platz gibt es noch ein bißchen Sonne", wirft Michael ein. "Ich beeile mich ja schon," sage ich. Die heimkehrenden Segler

 fallen ein wie die Fliegen. Jeder will nur noch runter. Herbert in der ASW 22 setzt gerade auf, es ist unangenehm bockig geworden. Gegenstände fliegen bereits durchs Cockpit.  "Golf Romeo, frei zur kurzen Landung 04", knistert es im Funk. Wir fahren Fahrwerk und Landeklappen aus. Der Wind schiebt  in der letzten Kurve unangenehm von schräg hinten. Jetzt noch über die störende Hochspannungsleitung, dann ist die Landebahnschwelle erreicht. Gleich am Anfang der Asphaltpiste setzen wir auf und versuchen, so schnell wie möglich die Bahn zu verlassen. Nicht zu schnell, damit sich die langen Flügel nicht noch im Gras verfangen.Weitere Kameraden folgen.

Auf der anderen Seite der Piste steht Herbert neben seinem Flugzeug und winkt herüber. Eiligst werden die Segler Richtung Halle geschoben. Alle packen mit an, auch die, deren Flugzeuge bereits im Hangar stehen. "Alles rein, bevor es richtig losgeht"! Wir schaffen es nicht mehr ganz. Der Gewitterguss durchnässt uns von Kopf bis Fuß während wir die Segler halten, damit sie von den Gewitterböen nicht weggerissen werden. Herbert lacht: "Ihr hättet ja zehn Minuten eher landen können!" Da er selbst nass bis auf die Haut ist, trifft uns sein Spruch weniger. Er legt den Arm um Michaels Schultern, der vor Begeisterung über das Erlebnis der zurückliegenden fünf Stunden lossprudelt.. Herbert ist glücklich, wahrscheinlich, weil Michael bei diesem Flug dabei war. Unsere Wanderung ist zu Ende. Was bleibt, sind unvergessliche Eindrücke,die uns als Segelfliegern geschenkt werden. 

Inzwischen habe ich ein wunderschönes, unverhofftes Geschenk bekommen. Michael und Herbert haben mir ein Album mit den schönsten Aufnahmen unseres Fluges geschickt. Ein Bild, das ich nur in meiner Erinnerung hatte, findet sich darin wieder. Ein Bild, von dem ich überhaupt nicht wußte, dass es überhaupt als Foto existierte. Unser Bild der Drei Zinnen. 

 

 

Gert Bräutigam - mein Freund. Flieger - und auch Musiker. Eine ideale Mischung.

Wenn möglich, fliegen wir gemeinsam.